Ein einig Volk von Brüdern? – Wir sind in der Pflicht dazu.

Gewaltvolle Ausschreitungen vor dem Bundeshaus, Geimpfte machen sich über Massnahmen für Ungeimpfte lustig, der sachliche Dialog verkommt immer mehr zum Ausrangierobjekt. Corona beschäftigt uns seit 1.5 Jahren, das Virus aber ist nicht unser Feind: Es ist die zunehmende Spaltung in der Gesellschaft, getrieben durch Medien und Politik. Ein Essay.

Als sich die drei Eidgenossen auf der Rütliwiese zum Schwur trafen, sollen sie die Worte gesprochen haben: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern.“ Legenden, die uns zusammenkitten. Wenn wir aber erleben, dass Demonstranten, die um ihre Freiheit fürchten, mit Wasserwerfern von einem meterhohen Zaun vor dem Bundeshaus vertrieben werden; wenn ein Bundesrat in einem Shirt, das einen eindeutigen Aufdruck hat, durch die Medien derartigen Gegenwind erfährt; wenn Freundschaften und Familien zerbrechen, weil die Gretchenfrage zum emotionalen Politikum wird; und wenn wir nicht mehr miteinander auf der Sachebene diskutieren können – dann sind wir mitten in der vierten Welle.

Vergangen Freitag wurde es gewalttätig an einer Corona-Demo in Bern.

Unsere Demokratie lebt

Dass Covid-19 als kontroverses Thema nicht nur spalten, sondern auch ‚begeistern‘ kann, zeigt uns die Tatsache, dass noch nie so viele Initiativen und Referenden gegen Parlamentsbeschlüsse initiiert und mit den notwendigen Unterschriften auch lanciert wurden, wie es in den letzten zwölf Monaten der Fall war. Leute, die sich sonst nicht um Politik gekümmert, sie im Hinterzimmer verstaut und haben verstauben lassen, sind plötzlich mittendrin. Das ist gut – unsere direkte Demokratie lebt und erfährt Auftrieb.

Wir erleben die vielleicht oder gar wahrscheinlich grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und niemand, weder Gelehrte noch Praktiker, können voraussagen, wie und wann sie zu Ende sein wird. Wir wissen seit Beginn, dass sich unser Denken und Handeln grundlegend verändert hat, weil wir mit Problemstellungen konfrontiert wurden, die jahrelang als irrelevant und unplausibel gegolten haben.

Verhärtete Fronten

Wo aber sind die Menschen, die minutenlang auf ihren Balkons dem Gesundheitspersonal zugejubelt haben, das heute nicht minder zu tun hat? Wo sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die besonders gefährdeten Menschen ihre Einkäufe machten und sie mit Gesprächen am Geschehen ausserhalb ihrer unmittelbaren Lebenswelt teilhaben liessen? Wo ist der nationale Schulterschluss, den wir im Kampf gegen die Pandemie gemeinsam geschworen hatten? Die 19 Monate Pandemie, die wir alle durchlebten, haben die Fronten verhärtet. Bei der Einordnung von Bundesratsentscheiden geht es für manche um Glaubensfragen und Schicksalsentscheide. Gegen das Covid-Zertifikat wird Oppositionen betrieben. Massnahmengegner sprechen von einer Zweiklassengesellschaft, vergleichen in ungeschickten Posts ihre Lage mit der Shoah.

Der Umgangston ist gehässiger worden, auch bei den Befürwortern strengerer Regeln: In Karikaturen machen sich einige lustig über Ungeimpfte, die nicht mehr einfach so ins Restaurant gehen können. Das Virus macht Menschen krank, vielleicht sogar schwer – viel gefährlicher aber ist der Keil, der immer tiefer in unsere Gesellschaft hineingetrieben wird.

Wesentliche Mitschuld dafür tragen unsere Medien und die Politik. Egal ob staatlich finanziert oder nicht, links oder rechts, skeptisch oder mittragend – es erscheint, als würden Journalisten und Politiker Gefallen daran finden, sich mit kontroversen Nachrichten und Botschaften selbst ins Zentrum zu rücken. Für die eigenen Interessen zu wirtschaften, ist nachvollziehbar und gewissermassen verständlich – der Verantwortung, die sie jedoch damit tragen ist offensichtlich den Wenigsten bewusst. In dem sie eigenen Profit aus der angespannten Lage schlagen, spalten sie die Gesellschaft und die sachliche Auseinandersetzung geht durch immer stärker und extremer divergierende Meinungsbilder verloren.

Wir sind in der Pflicht

Sicher trifft obige Schilderung nicht auf alle politischen Kräfte und Medienschaffenden zu. Wir alle hingegen sollten uns ernsthaft Gedanken zu unserem eigenen Diskursverhalten machen. Wenn auch auf Facebook, im Fernsehen oder Bundesparlament noch so arg versucht wird, eine Zweiklassengesellschaft an die Wand die malen, müssen wir innehalten, reflektieren und völlig unabhängig unseres Standpunktes gemeinsam auftreten.

„Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.“ 

Was hält uns zusammen? Einige mögen in der aktuellen Lage behaupten, dies sei nicht viel. Womöglich liegen sie damit nicht einmal verkehrt. Ich jedoch setze mich dafür ein, dass wir in der Pflicht sind, weiterhin vernünftig miteinander diskutieren zu können – seien auch die Überzeugungen völlig gegenteilig. Wir sollten uns nicht darauf konzentrieren, was uns trennt, sondern was uns zusammenhält – denn nur zusammen sind wir stark und können unser Land vor Demagogie und Feinden unserer Demokratie schützen. Eben ein einig Volk von Brüdern.


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.